Donnerstag, 19. Oktober 2017

Old Boys' Network - Bist du dabei oder nicht?

"Old Boys' Network", diesen Begriff hörte ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Harvard, in einem Gespräch, das ich am Harvard Yard mit Herbert C. Kelman führte, einem liebenswürdigen Harvard-Professor für Sozialpsychologie, der als Wiener Jude einst in seiner frühen Kindheit vor dem Nazi-Regime in die USA fliehen musste, und den ich insbesondere als Friedens- und Konfliktforscher für seine sozialethische Forschung schätze, wie dargelegt in seinem populären Buch "Crimes of Obedience", welches das Dilemma beleuchtet, das ein Befehl - in welcher Hierarchie auch immer - auslöst, der gegen die Menschenrechte verstößt. So gebrauchte er den Begriff "Old Boys' Network" mit nachdenklicher Stimme und einem etwas abschätzigen Unterton.

Wenn man sich nun vorstellt, oder gar davon Kenntnis hat, dass so viele Gruppen weltweit - ob Studentenverbindungen, Kirchen, Sekten, politische Parteien, Führungs-, Vorstandsetagen und Gremien, was auch immer, gerade wenn es an die Nachwuchsgenerierung geht - davon leben Gemeinsames zu erleben, gemeinsam etwas durchzustehen, aber auch gemeinsam über rote Linien zu gehen, einander gemeinsam und wechselseitig zu drängen, zu nötigen die eigenen Grenzen zu überschreiten, sich Ritualen zu unterwerfen, die nicht nur jenseits des guten Geschmacks sind, sondern die insbesondere darauf abzielen über alle Grenzen zu gehen, auch und gerade wenn jene Praktiken und Mutproben im klaren Widerspruch zur Menschenwürde stehen - in Studentenverbindungen etwa läuft dies unter dem Begriff "Hazing" - dann wird eines daran deutlich: Dieses Vorgehen macht die Gruppe regelrecht aus, ist es doch aus Sicht der Gruppen geradezu für den Zusammenhalt notwendig, dass die Mitglieder gemeinsam diese Erfahrungen machen, gemeinsam Peinlichkeiten durchleben, Demütigungen ertragen, über das gemeinsam als schockierend Erlebte schweigen und sich über das Schweigen in Komplizenschaft begeben, fortan gemeinsame Geheimnisse teilen, diese hüten, weil man von einander in pikanten Situationen weiß, um einander und ein Leben lang in der Hand zu haben, auch und gerade wenn es um die Nachwuchsgenerierung der Elite geht, die von Schwulenclubs zu Bordellen wandert - hin und wieder zurück - wenn sie nicht gerade mit demütigenden Aufnahmerituale beschäftigt ist, deren Details ich Ihnen nun ersparen möchte, sind jene Hazing-Praktiken doch auch von Elite-Universitäten hinlänglich bekannt sind.

Ob nun etwa Fotos, Audios oder Videos währenddessen davon aufgenommen werden oder nicht, ist da fast schon unerheblich. Denn die gemeinsam durchlebte Grenzerfahrung, das hemmungslose Überschreiten von Tabus und Menschlichkeit, verbunden mit dem oft lebenslang gefühlten schlechten Gewissen der daran Beteiligten - sofern sie nur dabei waren und nicht federführend - wegen der gemeinsam ertragenen, verübten und getragenen Schandtaten, genügt in den meisten Fällen schon völlig, um einander aktiv oder passiv lebenslänglich unter Druck zu setzen und am betreten-gebückten Gang jene zu erkennen, die dabei waren.

Da braucht es gar keine Dokumentation dessen, was begangen wurde, was alles in unserer ach so entwickelten Ersten Welt hinter den Kulissen vor sich geht, wenn die Öffentlichkeit gerade nicht hinschaut, was sich in einer "Elite" abspielt, die längst schon und vielleicht immer schon, nichts mit Elite - den Auserwählten, den Lichtgestalten - zu tun hatte, sondern bloß Establishment war und ist und diese beschriebenen hinter den Kulissen betriebenen Methoden für normal hält, als "Part of the Game", und letztlich als gängige Praxis der Teambildung, des Zusammenschweißens von Menschen zu gut funktionierenden Gruppen versteht, erlebt und allen verordnet, die nicht standhaft bleiben. Und denen, die es vermögen sich dem Druck und Gruppenzwang zu widersetzen, weil sie diese Praktiken mehr als seltsam erleben, wird der Ausgang gewiesen, die Tür gezeigt.

Denn nur mit Menschen, die solches und noch weiteres widerspruchslos über sich ergehen lassen, dabei mitmachen, dies aktiv betreiben oder passiv mittragen, lässt sich nun wirklich alles machen, jede Spitzenposition besetzen, die Welt regieren. Sind sie doch für alles zu haben und - man könnte sagen - für nichts zu gebrauchen. Doch das wäre zu einfach, viel zu einfach. Denn jene Menschen, die das alles mitmachen und mittragen, sind für alles zu haben und für alles zu missbrauchen.

Systemischer Analyst und Philosoph
Dr. Dr. Immanuel Fruhmann