Donnerstag, 20. Februar 2014

Wien und The New Nice. Über die neue Freundlichkeit. Kulturphilosophische Beobachtung eines Neuwieners

Wien ist ein wunderbarer Ort für Sozialstudien, denn es ist ein sozialer Ort! Natürlich bestätigen Ausnahmen immer die Regel und es wird auch der Erfahrung mancher gebürtiger Wiener, die vom mürrisch-grantelnden 'goldenen Wiener Herzen' eines Hans Moser ein Lied singen können, trotzen. Doch das, was ich als weitgereister Weltenbummler tagtäglich erlebe, ist in Sachen entspannten zivilisierten Umgangs miteinander die reinste Wohltat, im  Gegensatz zu zahlreichen mir bekannten größeren Städten (ab 100.000 Einwohnern) in der Welt. Hier in Wien nimmt man auf einander Rücksicht und gibt auf einander Acht. Am laufenden Band bemerke ich etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln, dass einander Platz gemacht wird, was auch impliziert, dass nur allzu gern der eigene Sitz jemandem anderen überlassen wird, gerade jungen Müttern oder älteren Menschen. Es wird alles daran gesetzt auch wirklich hilfsbereit zu sein und dafür zu sorgen, dass sich in dieser Stadt des umsichtigen Mitgefühls auch wirklich jeder wohlfühlt. Hier sind die Menschen darum bemüht, einander zu helfen. Hier wird einander die Tür aufgehalten, nicht nur Männer Frauen, sondern eben auch Frauen Männern, also jeder jedem. Hier wird engagiert jemandem nachgerannt, der gerade etwas vergessen bzw. liegengelassen hat, und hier wird  maximal 2 Sekunden nachdem jemandem auf der Straße etwas aus der Jackentasche gefallen ist, dieser darauf aufmerksam gemacht, dass er gerade etwas verloren hat. Und das funktioniert auch bei schönen Sachen von Wert, wie Schmuck, Mützen und sogar Münzen. Auch fällt mir immer wieder auf, dass der Bus oder die Bim für jemanden aufgehalten wird, der noch 100 Meter vom Bus oder der Bim entfernt ist aber alle Anstalten macht, dieses öffentliche Verkehrsmittel noch zu erreichen. So wird von Fahrgästen aber auch bereits ausgestiegenen und schon einige Meter entfernten Fahrgästen, alles versucht, die Türen so lange offenzuhalten, sodass dieser Herbeilaufende dann noch den Bus bzw. die Bim erreicht. Fahrpläne sind schließlich für die Menschen da und nicht umgekehrt. Hier wird gerne für das ins Boot Holen des Einzelnen, das Verkehrsmittel für 30 Sekunden aufgehalten. Das Diktat der Zeit und der sklavisch einzuhaltenden Ordnung ist hier in Wien zum Glück nicht gegeben. Denn hier zählt anders als noch in vielen anderen Orten Österreichs, der Schweiz und gerade Deutschlands der Mensch und nicht das Prinzip! In Wien ist der Mensch wichtiger als die Regel!
Oder ein weiterer Fall von zahlreichen dieser "New Nice"-Strömung in Wien: neulich, als nach Mitternacht junge party people nicht rechtzeitig zum Nachtbus, der nur alle halben Stunden fährt, gelangten, und diesem etwa 100 Meter nachliefen, blieb der Busfahrer, sobald er sie bemerkte, 200 Meter nach der Einstiegsstelle mit seinem Bus nochmals stehen und wartete bis die Jugendlichen ihn erreichten und einstiegen. Auch in der U-Bahn wird für Wildfremde die U-Bahn-Tür länger aufgehalten bzw. von fremden Fahrgästen der Halteknopf nochmals betätigt, sodass Heraneilende den Wagon noch erreichen und betreten können. Nicht so in Berlin oder Breslau (Wrozslaw), wo die Busfahrer und Passagiere Freude daran haben, dem Herbeieilenden zu signalisieren, auf ihn zu warten, um dann ganz bewußt, voller Schadenfreude dem hoffnungsfroh Abgehetzten die Tür vor der Nase zuzuknallen. All dies Soziale und Fürsorgliche wird anderswo als Zeichen der Schwäche verstanden und gesehen und daher unterlassen. Doch in Wien ist man proaktiv freundlich und nett. Mir ist dazu keine Langzeitstudie bekannt, die untersuchte, ob es in Wien nicht immer schon so zuging. Sicherlich ist dieses herzliche, rücksichtsvolle und besonders umsichtige Verhalten der Wiener miteinander Ausdruck des globalen Trends 'The New Nice' und wenn es schon immer so sozial in Wien zuging, dann eben des 'Viennese Nice'.
Und wundern Sie sich nicht, wenn ein zusteigender älterer Herr die anderen Fahrgäste im Bus mit einem entspannt freundlichen "Guten Morgen" begrüßt, denn dann sind sie in Wien. Wenn Sie diesen herzlichen Umgang miteinander nicht aushalten können, ist es wohl besser Sie fahren nach Berlin, denn dort wird Ihnen dergleichen höchstwahrscheinlich nicht zustoßen. Oder gibt's in Sachen "New Nice" für Berlin schon einen Silberstreif am Horizont? Bitte mich dazu über jedes Anzeichen von Hoffnung zu informieren den besonders Berlin hätte "New Nice" dringend nötig.
Systemischer Analyst,
Dr. Dr. Immanuel Fruhmann

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